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ARD-Meteorologe Sven Plöger erklärt El Niño und gibt Wettertipps für Skifahrer

Text: Bernhard Krieger und Andreas Hottenrott

Die Nordamerikaner entstauben schon die Powder-Latten, denn sie hoffen auf den prophezeiten La Niña-Winter. Sven Plöger bleibt vorsichtig. Im DSV-Magazin „Ski & Berge“ sowie auf SKI USA und SKI KANADA erklärt der ARD-Wetterexperte, wieso konkrete Langzeit-Schneeprognosen unmöglich sind.

 

Wenn die Tage kürzer, die Temperaturen niedriger, Shorts und T-Shirts im Schrank verstaut werden, dann ist der Sommer vorbei – und die Vorfreude auf den Winter beginnt. Erst recht, wenn man im Oktober bereits weiß, dass am 10. Januar ein großartiger Powder Day in Aspen wartet. Vier Tage später bekommt Whistler 27 Zentimeter Neuschnee. Und wenn man den Coast Mountains hinauf nach Norden folgt, ist Anfang Februar eine Woche Sonnenschein beim Heliskiing garantiert. Eigentlich können kanadische oder US-amerikanische Skifahrer schon mal die Koffer packen.

Nein, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Obwohl man nordamerikanischen Wintersportlern oftmals schon Mitte des Jahres erzählt, wie es generell in Sachen Schnee um ihren Winter bestellt sein wird. Die dafür verantwortlichen Klimaphänomene treten im Schnitt alle vier Jahre auf und haben ihren Ursprung im weit entfernten Ost- und Zentralpazifik.

Von El Niño spricht man, wenn sich die Temperatur des Oberflächenwassers dort über einen bestimmten Zeitraum erhöht. Wechselwirkungen zwischen Ozean und Atmosphäre – in diesem Fall El Niño-Southern Oscillation (ENSO) – haben zur Folge, dass es am Westrand des Pazifiks warm und feucht und in Peru kühl und trocken wird. Da dieses Phänomen um die Weihnachtszeit auftritt, verpasste man ihm den Namen El Niño, was in Südamerika für Christkind steht.

El Niño und seine Schwester

Klimatechnisch gesehen hat dieses Christkind auch eine kleine Schwester – La Niña. Die junge Dame wiederum bringt den gegenteiligen Effekt mit sich, nämlich verstärkte Passatwinde und sinkende Wassertemperaturen im zentralen und östlichen tropischen Pazifik. Das kann Taifune und anderes Unwetter im Westpazifik zur Folge haben.

Was hat das nun damit zu tun, ob man in Nordamerika hüfthoch in frischem Pulver versinkt oder den Blick sehnsüchtig gen Himmel richten muss in der Hoffnung auf dunkle Schneewolken? Wettersysteme kann man eben nicht isoliert betrachten. Über Fernverbindungen beeinflussen sie sich gegenseitig, entweder über direkte Nachbarschaft oder zeitversetzt über Prozesse in der Atmosphäre. So beschert El Niño dem Westen Kanadas und Alaska regelmäßig milde Winter. Dank La Niña dagegen steht weiten Teilen Nordamerikas eine besonders kalte und schneereiche Skisaison bevor.

Für 2020/21 sieht das Climate Prediction Center (CPC) eine 60-prozentige La Niña-Chance im Herbst und immerhin noch 55 Prozent für den Winter. Die Möglichkeit, dass doch noch El Niño vorbeischaut, beziffert man auf unter zehn Prozent. Bei solch langfristigen Vorhersagen zieht es aber selbst die US National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) vor, diese mit einem Warnhinweis zu versehen.

Sven Plöger: „Geschehen in der Atmosphäre zu komplex“

Richtigerweise, wie ARD-Wettermann Sven Plöger betont. So sehr der passionierte Skifahrer sich und anderen auch Schneefälle weit im Voraus ankündigen würde. „Die Methoden dieser Langzeitprognosen, die auf den Auswirkungen der Meere auf typische Strömungsmuster basieren, sind durchaus seriös, daraus abgeleitete Langzeitwetterberichte für konkrete Regionen und Zeiträume aber nicht“, warnt Plöger. „Dafür ist das Geschehen in der Atmosphäre einfach zu komplex, die Schwankungen sind viel zu groß“, erklärt der Meteorologe.

Jetzt schon genaue Winterprognosen abzugeben, ist also eine Sache für Wahrsager mit Kristallkugeln oder für die Schweizer „Wetterschmöcker“. Die Hobby-Wetterkundler aus der Zentralschweiz erklären schon im Herbst zum Beispiel anhand der Aktivitäten von Waldameisen oder dem Wachstum von Tannenzapfen, wie der Winter in der Schweiz wird. Selbstverständlich wissen sie auch schon, ob das mit der ersehnten weißen Weihnacht klappt.

ARD-Wettermoderator Sven Plöger © HR/Sebastian Knoth

Plöger sind die skurrilen „Kollegen“ durchaus sympathisch, verlassen will er sich auf ihre Weissagungen nicht. Ein Blick auf kurzfristige Vorhersagen bleibe unerlässlich, betont Plöger. Erst recht in den Alpen. Das El Niño-Southern Oscillation-Phänomen (ENSO) spiele für das Wetter dort keine Rolle, wohl aber die sogenannte Nordatlantische Oszillation (NAO). Sie bezieht sich auf die Schwankungen des Luftdruck-Gegensatzes zwischen dem Azorenhoch im Süden und dem Islandtief im Norden des Nordatlantiks. Ähnlich wie auf Basis von ENSO für die Westküste Nordamerikas lassen basierend auf NAO-Daten gewisse Wahrscheinlichkeiten für wärmere oder kältere Winter in Europa hochrechnen.

Das tatsächliche Wettergeschehen werde dann aber von vielen kurzfristigen und in den Alpen auch stark von lokalen Faktoren bestimmt, erläutert Plöger. „Staulagen sind aber generell gut“, meint der Wettermann. „Tagelanger Nordwind bringt der Alpennordseite bei entsprechenden Temperaturen und Wolken viel Schnee und der Südseite Nordföhn und umgekehrt“, erklärt Plöger. Wo genau dann aber wie viel Schnee falle, hänge sehr von der Ausrichtung der Hänge ab.

Apps, Radar und Wetterbericht

„Drei Tage im Voraus kann man aber schon viel sagen“, verspricht Plöger. Er empfiehlt natürlich den ARD-Wetterbericht von seinen Kollegen und ihm, weil dort Meteorologen die Zusammenhänge erklärten und die Prognosen erläuterten. Wer dort aufmerksam zuschaue und sich ein wenig in die Materie einarbeite, könne dann für sein Zielgebiet selbst weiter im Internet recherchieren. Je lokaler und spezifischer die Wettervorhersagen und Daten seien, umso besser. Auch Apps seien hilfreich, wenn man sich auf die kurzfristigen Vorhersagen beschränke. Vor allem ein Wetterradar gebe wertvolle Hinweise für Skifahrer.

Am wichtigsten ist Plöger jedoch ein anderer Tipp: „Holt Lawinenberichte und Warnmeldungen ein und haltet Euch daran“, appelliert der leidenschaftliche Skifahrer an alle Wintersportler. „So viele Lawinenunglücke könnten so vermieden werden“, betont Plöger, der selbst besonders gern zwischen Lenzerheide, Davos, Laax und dem Arlberg unterwegs ist. „Der Flumserberg ist so etwas wie unser Hausberg“, erzählt der Rheinländer.

Wann und wie viel es dort schneit, weiß Plöger leider auch noch nicht. So bleibt ihm wie allen Skifans in den Alpen nur der tägliche Blick auf den Wetterbericht. Und die Nordamerikaner hoffen natürlich, dass das Christkind tatsächlich mal wieder eine Pause einlegt und in diesem Winter wirklich seine Schwester nach draußen schickt.

In seinem neuen Buch widmet sich ARD-Wettermoderator Sven Plöger dem Klimawandel und damit DER Herausforderung des 21. Jahrhunderts – anschaulich erklärt und trotz der Brisanz mit einer Portion Humor versehen. Der Spiegel-Bestseller „Zieht Euch warm an, es wird heiss!“ ist im Westend Verlag erschienen.