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White Wilderness Heliskiing: Ohne Ende Abenteuer

Text: Andreas Hottenrott

Heliskiing ist immer ein Abenteuer. Für die Gäste beginnt es meist im Helikopter, für die Macher von White Wilderness Heliskiing schon beim Aufbau ihres Unternehmens. Mit Ken Bibby hatte man genau den richtigen Mann für den Job. Der liess einst nicht nur die Augen von Freeridern leuchten, sondern gleich den ganzen Skifahrer.

Ken Bibby ist die Abenteuerlust praktisch in die Wiege gelegt worden. Sein Vater, ein Dokumentarfilmer, unternahm grössere Expeditionen auf allen sieben Kontinenten der Erde. Unter anderem entdeckte er in der Wüste Gobi den ersten Dinosaurier-Embryo der Welt und suchte in Papua Neuguinea nach dem letzten lebenden Exemplar der Riesenechsen – das sich später als gigantischer Waran entpuppte. «Mein Vater führt ein grossartiges Leben und hat mich stark beeinflusst», erzählt Ken und ergänzt mit einem Lachen: «Ich hatte nie die Chance, ein normales Leben zu führen.»

 

Seit seiner Kindheit ist Ken in den Bergen unterwegs. Nachdem seine Begeisterung für Gipfel und Grate im Teenager-Alter etwas schwindet, wird sie in seinem 18 Lebensjahr neu entfacht. Damals hilft Ken bei den Dreharbeiten zu einem Lehrfilm über Lawinen und trifft dabei auf einen Mountain Guide. «Als ich gesehen habe, womit dieser Kerl seinen Lebensunterhalt verdient, dachte ich mir: Genau das möchtest Du auch.» Über Stationen als Ski Patroller am Grouse Mountain bei Vancouver und in verschiedenen Hütten in den Selkirks und Kootenays landet Ken in Revelstoke bei Selkirk Tangiers Heli Skiing.

2016 zieht er weiter, in die Nähe von Terrace, wo er als Chief Guide bei White Wilderness Heliskiing anfangen soll. Am Aufbau des Boutique-Anbieters ist Ken massgeblich beteiligt. Und während Jobs im Heliskiing-Bereich von vielen Menschen ohnehin als «nicht ganz normal» eingestuft werden, dürfte die Entstehungsgeschichte von British Columbias Heliski-Newcomer selbst nach Branchenstandards als abenteuerlich gelten. Ideal für Ken.

«Als Marcel mich anrief und mir die Chance bot, ein Heliski-Unternehmen von Grund auf zu gestalten, war ich direkt begeistert», erinnert sich Ken an sein Gespräch mit Marcel Schneider, einem der Eigentümer von White Wilderness Heliskiing. «Ich bin seit mehr als 20 Jahren im Geschäft und habe einiges gesehen und erlebt. Oftmals dachte ich mir: ‹Das könnte man auch anders machen.› Diese Gelegenheit hatte ich jetzt.»

Vier Monate bis zum «Master»

Die Gelegenheit ja, ausreichend Zeit kaum. Am 1. September 2016 tritt Ken seine neue Stelle an. Am 14. Dezember sollen die ersten Gäste kommen. «Ich musste mich um alles Mögliche kümmern, vom Projektmanagement über Marketing und Verkauf bis hin zum Risikomanagement», erinnert sich Ken. «Es war so, als hätte ich einen inoffiziellen ‹Master of Business› gemacht.»

Und nebenbei noch einiges an Pionierarbeit geleistet. Im ersten Jahr hat White Wilderness zwar einen Namen, eine – wenn auch renovierungsbedürftige – Lodge und ein Gebiet, aber praktisch keine Informationen über das Skifahren dort. Zu Beginn ist jeder Hubschrauberflug auch die Suche nach geeigneten Landungsplätzen. «Wir hatten jeden Tag First Descents», sagt Ken und schwärmt: «Dem Gelände seine Geheimnisse zu entlocken, war ein unglaublicher Prozess.»

Heads up Hockey auch beim Heliskiing

Weite Hänge, auf denen ein Dutzend Skifahrer und Boarder entspannt nebeneinander ins Tal wedeln, findet man bei White Wilderness eher nicht. Viele Abfahrten seien aufregend und erforderten eine gute Technik. «‹Heads up Hockey›» heisst das bei uns in Kanada», meint Ken. Behalte den Kopf oben, sonst holt Dich ein Abwehrspieler von den Beinen. Muskelbepackte Verteidiger lauern bei White Wilderness zwar nicht im Tiefschnee – dafür aber Bäume und andere Freeride-spezifische Hindernisse, die man tunlichst im Blick behalten sollte.

Zuletzt hat sich White Wilderness weiteres Terrain mit grandiosen Runs gesichert. «Wir haben nun 35 Prozent mehr Fläche», erklärt Ken. «Das hat vieles für uns verändert, weil wir mehr Optionen näher an der Lodge haben. Ausserdem können wir jetzt besser auf verschiedene Wetterbedingungen reagieren.»

Das senkt das Downday-Risiko, was selbstverständlich auch Ken als leidenschaftlichen Freerider freut. «Als Guide musst Du Skifahren und Snowboarden natürlich lieben», sagt er, betont aber auch: «Wenn Du eine lange Karriere in dem Geschäft haben willst und es Dir nur ums Powdern geht, wird es schwer.» Vor allem müsse man Spass daran haben, unter Leuten zu sein, Risiken einzuschätzen, Probleme zu lösen. Bereitet einem dieser Teil des Jobs Freude, spüren das die Gäste.

Ein handverlesenes Team

Überhaupt liegen Ken die Gastfreundschaft und ein exzellenter Service am Herzen. White Wilderness sei schliesslich eine kleine Operation, gibt er zu bedenken, mit nicht mal 20 Heliskiern oder -boardern  in den Hochphasen. Manchmal wohnen auch nur sechs oder acht Freerider in der Skeena Riever Lodge. «Das ist gut für die Guides, die jeden Gast persönlich kennenlernen können», erklärt Ken, der viele Mitarbeiter persönlich ausgewählt hat. «Und für die Gäste ist es toll, weil sie das Gefühl haben, dass wir wirklich für sie da sind.» Mit einigen hält er auch über den Sommer Kontakt.

Einen weiteren Schwerpunkt legt man bei White Wilderness auf das Thema Sicherheit, das natürlich bei allen Heliskiing- und Catskiing-Unternehmen Priorität geniesst, hier aber vielleicht noch etwas mehr in den Mittelpunkt gerückt wird. Das mag zum Teil an Ken selbst liegen. Neben seinem Job als Heliskiing Guide arbeitet er als Senior Instructor bei der Canadian Avalanche Asscociation. Jeder, der Ski Patroller oder Guide werden möchte, durchläuft Kurse bei der CAA. Inzwischen ist Ken sogar an der Entwicklung des Lehrplans beteiligt.

«Wenn es um Sicherheit geht, nutzen wir bei White Wilderness die Best Practices aus der Branche», sagt Ken. Selbstverständlich war sein Unternehmen gleich im ersten Jahr des Bestehens Mitglied bei Helicat Canada, dem Branchenverband der kanadischen Heliskiing- und Catskiing-Industrie.

Zwischen Chaos und HeliCat

Die Zertifizierung allerdings ist für das junge Unternehmen mit einigem Stress verbunden. Die erforderliche Besichtigung wird in einer nicht ganz einfachen Phase durchgeführt. Oder, wie Ken unumwunden zugibt: «Bei uns herrschte teilweise Chaos. Am Tag vor der Eröffnung ist Mike, einer unserer Guides, noch auf die Dächer der Gästehäuser geklettert und hat Löcher für die Schornsteine der Kamine hineingeschnitten.» Dass es mit der Mitgliedschaft bei HeliCat Canada dennoch auf Anhieb geklappt hat, spreche für White Wilderness, findet Ken.

Ohnehin braucht es vermutlich mehr als eine schlichte Überprüfung, um Ken aus der Ruhe zu bringen. Dem Sicherheitsexperten hat einst schon eine ganz andere Herausforderung die Schweissperlen auf die Stirn getrieben. Als Safety Guide begleitet er 2014 eine Film-Crew nach Alaska. «Am Anfang wusste ich nicht genau, worauf ich mich eingelassen hatte», blickt Ken zurück, «und als ich es wusste, wäre ich am liebsten sofort wieder abgereist.» Mit LED-bestückten Leuchtanzügen wollten sich einige Athleten die steilsten Rinnen hinabstürzen – in völliger Dunkelheit.

«Meine Aufgabe war es, etwas, das lächerlich riskant anmutet, so sicher zu machen, dass es durchführbar wird», erzählt Ken. Das Team übernachtet am Berg, die gesamte Ausrüstung wiegt fünf Tonnen und muss nach oben befördert werden. Neben Logistik und Sicherheitsaspekten spielt auch das Erwartungsmanagement eine Rolle. Von geplanten zehn Abfahrten handelt Ken die Crew auf eine pro Nacht herunter. Das reicht aber völlig aus, um schlicht überwältigende Aufnahmen einzufangen. Das Ergebnis kann man im Skifilm «Afterglow» bestaunen. Eingehüllt in einen bunten Schein schweben die Skifahrer wie Wesen aus einer anderen Welt durch die Finsternis, einen mystisch erleuchteten Nebel aus feinstem Powder unter ihren Füssen.

«Diese Erfahrung hat mir unheimlich dabei geholfen, meine Fähigkeiten zu entwickeln», sagt Ken, der heute noch mit dem Filmemacher zum Fischen geht, über das Projekt. «Und das kam mir letztlich auch beim Aufbau eines Heliskiing-Unternehmens zugute.»

Für ausgefallene Anfragen sei er übrigens noch immer offen, sagt Ken. Und sollte es in absehbarer Zeit nicht um bunte Lichter und futuristische Technik gehen, wartet ja immer noch ein riesiger weisser Fleck – der auf der Geländekarte von White Wilderness Heliskiing. Auf den Bergen in diesem Bereich stehen noch etliche Erstbefahrungen an. Gute Aussichten für Ken Bibby, dem die Abenteuer so schnell wohl nicht ausgehen werden.