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Heliskiing: Wie es begann, wie es geht und wo es am besten ist

Text: Bernhard Krieger

Heliskiing ist der große Traum vieler Skifahrer: mit dem Hubschrauber auf gigantische Gipfel fliegen und dann durch staubenden Pulverschnee wedeln. Die kanadische Provinz British Columbia (BC) ist der Heliskiing-Hotspot der Welt. Dort wurde die exklusivste Form des Skifahrens vor mehr als 50 Jahren erfunden.

Eigentlich müssten Angebote für Heliskiing mit einem Warnhinweis versehen sein. Nicht, weil es so gefährlich wäre. Im Gegenteil: Heliskiing ist wohl die sicherste Art des Skifahrens im freien Gelände. Der Warnhinweis aber wäre dennoch angebracht. Denn Heliskiing kann süchtig machen!

Heliskiing: Achtung Suchtgefahr

Wer einmal in den fliegenden Lift gestiegen ist, will immer wieder abheben. Die Schönheit der Berge aus der Luft ist atemberaubend, das Skierlebnis überwältigend. Oft landen die Helis in Kanada auf gigantischen Gipfeln, um die Wintersportler in einer schier unendlichen, menschenleeren, weißen Wildnis abzusetzen. Dort gleiten die Skifahrer, von einem erfahrenen Heliskiing-Guide angeführt, durch staubenden Powder auf makellosen Tiefschneehängen hinunter ins Tal. Und unten wartet bereits der Hubschrauber für den nächsten Powder-Run.

„Traumabfahrten sind nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall“

Abfahrten in jungfräulichem Tiefschnee bleiben in den dicht besiedelten Alpen selbst abseits der Skigebiete eine Seltenheit. Schon wenige Stunden nach dem letzten Schneefall zeichnen Dutzende Spuren die Hänge. „Bei uns sind derartige Traumabfahrten nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall“, sagt Beat Steiner. Steiner ist einer der Gründer von Bella Coola Heli Sports, das bei den World Ski Awards in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge als „bester Heliskiing-Anbieter der Welt“ gekürt wurde.

Bella Coola Heli Sports: Exklusiver Skifahren geht nicht

Bella Coola liegt im hohen Norden von BC in den besonders spektakulären Coast Mountains mit bizarren Gipfeln, riesigen Gletschern, dicht bewaldeten Tälern und Pazifik-Fjorden. Mit rund 11.000 Quadratkilometern hat Bella Coola Heli Sports das größte zusammenhängende Privat-Heliskiing-Gebiet der Welt. Diese Fläche von der Größe der gesamten Schweizer Alpen steht einzig und allein den maximal paar Dutzend Gästen von Bella Coola zur Verfügung. Exklusiver als in den vier Bella Coola Lodges Tweedsmuir Park Lodge, Eagle Lodge, Pantheon-Heli-Ranch und Mystery Lodge kann Skifahren nicht sein.

CMH: Hans Gmoser ist der „Vater der des Heliskiings“

2001 gegründet ist Bella Coola noch ein relativ junges Heliskiing-Unternehmen. Das erste war Canadian Mountain Holidays (CMH), mit elf Lodges in British Columbia der Marktführer. Gegründet wurde CMH von Heliskiing-Erfinder Hans Gmoser. Der ausgewanderte Österreicher ist der „Vater des Heliskiings“, auch wenn andere in den 1950er Jahren schon vor ihm mit Hubschraubern als fliegende Lifte experimentierten. Aber erst Gmoser perfektionierte Heliskiing und machte ein Business daraus. Noch heute funktioniert Heliskiing weltweit so, wie es der Pionier vor mehr als 50 Jahren austüftelte.

Seine ersten Versuche startete Gmoser 1963 mit ein paar Wagemutigen auf einem Gipfel in der Nähe von Banff. Zwei Stunden dauerte es, bis alle oben waren, da der Bell 47-Helikopter nur ein Zweisitzer war. Doch statt im erhoffen Pulverschnee landeten die Vorreiter in üblem Bruchharsch. Beim zweiten Versuch in der Nähe des Städtchens Golden wurde der nur 178 PS starke Heli von heftigem Wind verweht. 1965 startete Gmoser für einen amerikanischen Skiclub einen neuen Versuch. Von einem verlassenen Sägemühlen-Camp in den Bugaboos aus flogen sie los, und diesmal klappte es: Dank Pulverschnee und Kaiserwetter wurde die erste Heliskiing-Woche der Geschichte ein voller Erfolg, auch wenn die Pioniere gerade mal auf zwei Abfahrten pro Tag und insgesamt auf 15.000 Höhenmeter kamen. Heute sind rund zehn Abfahrten und 8000 Höhenmeter pro Tag die Regel.

Dank des fliegenden Lifts konnten normale Skifahrer erstmals Hänge fahren, die bis dahin nur konditionsstarken Tourengehern vergönnt waren. In den folgenden Jahren wurden die Hubschrauber leistungsstärker, die Lodges luxuriöser und die Sicherheit verbessert. Schaufel, Sonde und Lawinenverschütteten-Suchgerät sind für jeden Heliskifahrer Pflicht. Viele Anbieter stellen zudem Lawinen-Airbags zur Verfügung. Die ebenfalls in den Lodges bereitgestellten breiten Ski machten Tiefschneefahren auch für Ski-Normalos zum spielerischen Genuss.

Heliskiing auf der ganzen Welt

So wurde Heliskiing zum Exportschlager. Inzwischen wird es weltweit angeboten: in Island, Schweden, Kamtschatka, Chile, Georgien, der Türkei, Italien und Indien sowie vereinzelt auch in der Schweiz und Österreich. In BC gibt es mittlerweile Dutzende Heliski-Anbieter. Das jüngste Heliskiing-Areal eröffnete Bearpaw Heliskiing mit einer idyllischen Lodge im Boutique-Stil südlich von Prince George erst vor wenigen Jahren. Andere Unternehmen wurden dagegen schon vor Jahrzehnten von Gmosers Weggefährten gegründet. Unter denen war auch der Österreicher Mike Wiegele, der 1970 Mike Wiegele Helicopter Skiing aufbaute und in der Szene eine Legende wurde. Sein Heliskiing-Dorf in Blue River ist heute die größte einzelne Heliskiing-Lodge der Welt.

Kleine Gruppen von bis zu elf Gästen

Wiegele und einige andere schwören für Gruppen von bis zu elf Gästen weiter auf die robusten Bell 212-Helikopter, die schon im Vietnamkrieg zum Einsatz kamen. Andere, wie Bella Coola, Bearpaw und Northern Escape Heliskiing in Terrace, setzen auf kleinere Helis für vier bis fünf Gäste. „Kleine Gruppen sind flexibler, fahren in der Regel etwas schneller und dadurch auch mehr“, erklärt John Forrest von Northern Escape Heliskiing, das in den besonders schneereichen Coast Mountains operiert. Schneefallmengen von mehr als 20 Metern pro Jahr sind dort keine Seltenheit.

Der Ablauf am Berg ist bei allen heute fast noch so wie in den Anfangsjahren. Für die Gäste mag es so aussehen, als würden einfach irgendwelche Hänge angeflogen, doch Guides und Piloten überlassen nichts dem Zufall. Landestellen und Abfahrten sind bis ins Detail von den Guides getestet und kartographiert. Frühmorgens analysieren die Guides die Wetter- und Schneedaten, tauschen sich mit anderen Anbietern aus und legen dann die für den Tag als sicher erachteten Abfahrten aus. Vor jeder Abfahrt überprüft der Guide nochmals die Entscheidung. Hat er Zweifel, wird der Hang nicht befahren.

Downdays – wenn Catskiing Heliskiing ersetzt

Wettertechnisch können nur Nebel oder eine tief hängende Wolkendecke den Heliskiing-Spaß verderben. Dann geht nichts mehr. Diese so genannte Downdays aber sind selten. Im zentralen BC gibt es durchschnittlich nur fünf pro Saison, in den Coast Mountains einige mehr. Dafür haben Anbieter wie Northern Escape aber ein Catskiing-Backup. Müssen die Helis am Boden bleiben, steigen die Skifahrer in die komfortablen Transportkabinen auf den Rücken der „Cat“ genannten Pistenraupen um – und weiter geht’s!

Dichter Schneefall dagegen macht den Helis nichts aus. Bei Schneetreiben wird in den lichten Wäldern mit ihren weit auseinanderstehenden Baumriesen Ski gefahren. Dieses „Treeskiing“ ist gerade für Europäer besonders beeindruckend. Wer die Grundregel beherrscht, nicht auf die Bäume zu schauen, dem gelingt schnell der Naturslalom durch den Wald.

Passende Angebote auch für Heliskiing-Einsteiger

Generell ist Heliskiing nicht so anspruchsvoll wie viele glauben. Es gibt zwar extrem herausfordernde Areale und spezielle „Steep & Deep“-Camps, daneben finden aber auch Heliskiing-Einsteiger passende Angebote. „Wer schwarze Pisten in einem Skigebiet beherrscht und ein bisschen Kondition mitbringt, ist gut genug fürs Heliskiing“, sagt Beat Steiner von Bella Coola. Und wer vielleicht sogar schon ein bisschen Erfahrung abseits präparierter Pisten gesammelt hat, muss sich gar keine Sorgen machen. Außer vielleicht wegen der Suchtgefahr beim Heliskiing.