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Erinnerungen an den verstorbenen Heliski-Pionier Mike Wiegele

Text: Bernhard Krieger

Mit wenig mehr als der Liebe zum Skifahren kam der Kärntner 1959 nach Kanada. Mit Mut, Fleiß und Hartnäckigkeit schuf der Heliskiing-Pionier in Blue River die größte Heliskiing Lodge der Welt. Ausgerechnet im 50. Jubiläumsjahr seiner Firma musste sich der ausgewanderte Österreicher 2020 wegen einer Demenzerkrankung zurückziehen. Im Sommer 2021 stark Wiegele im Alter von 82 Jahren. Bernhard Krieger erinnert an Mike Wiegele, der zum Inbegriff des Heliskiing wurde.

 

Wie der Österreicher in Kanada zur Legende wurde

Es gibt nur wenige Namen, die weltweit zu einer Marke werden. Und noch weniger, die man stellvertretend für ein Produkt oder gar für eine ganze Branche wahrnimmt. So avancierte Jeep zum Synonym für Geländewagen, Nivea steht für Feuchtigkeitscremes und wer etwas im Internet sucht, der googelt selbstverständlich. Mike Wiegele hat sich ebenfalls weltweit einen Namen gemacht, zumindest in der Skiszene. Auch für mich wurde Wiegele zur Personifizierung des Heliskiings.

Wiegele erfand die „Powder 8“ Tiefschnee-Weltmeisterschaft

Der ausgewanderte Österreicher hat das Heliskiing zwar nicht erfunden, aber geprägt wie wenige andere. Er war die treibende Kraft hinter der Entwicklung breiter Powderski, der Gründer des kanadischen Skiführerverbands „Canadian Ski Guide Association“ (CSGA), ein unermüdlicher Lawinenforscher und der Erfinder der Tiefschnee-Weltmeisterschaft „Powder 8“. In der alten Heimat erhielt er das Goldene Verdienstabzeichen Österreichs, seine neue Heimat nahm ihn in die „Canadian Ski Hall of Fame“ auf. Im vergangenen Jahr verlieh ihm die Thompson Rivers University in Kamloops den Ehrendoktortitel für sein Engagement für mehr Sicherheit beim Skifahren im freien Gelände.

Als ich den kleinen Mann mit den gletscherblauen Augen erstmals traf, war er schon ein Großer des Skisports. Ein Selfmademan, der aus einfachen Verhältnissen im kärntnerischen Lading kam. „Meine Eltern waren arm, sie hatten kein Geld für Ski“, sagt der Bauernsohn im Film „Call Me Crazy“, der eine Hommage an sein Lebenswerk ist. Mit Tränen in den Augen erzählt Wiegele von dem für ihn lebensverändernden Moment, als ihm sein Vater einen Eschen-Baum schenkte, der hinter dem Hof wuchs. „Damals war ich 14 Jahre alt“, erinnert sich Wiegele. Mit seinem Bruder habe er den gefällten Baum mit dem Pferd zum Schreiner gezogen, der aus dem Holz einen Ski für ihn baute.

Ein ganzes Jahr hat er gebraucht, bis er seinen Ski beherrschte – aber dann konnte er es richtig. Wiegele fuhr Skirennen und als er 1959 nach Kanada auswanderte, hatte er schnell die höchste Skilehrerlizenz in der Tasche. Als Skilehrer arbeitete er erst im kanadischen Quebec am Mont Tremblanc, dann ab 1961 im kalifornischen Sugar Bowl. Im Sommer aber zog es ihn immer wieder zurück nach Kanada, wo er 1964 die Staatsbürgerschaft erhielt.
Banff und Lake Louise wurden zu seiner neuen Heimat. Dort hatte er schon 1960 den ebenfalls aus Österreich ausgewanderten Hans Gmoser kennengelernt. Wiegele bezeichnete ihn einmal als seinen Mentor in den ersten Jahren in Kanada. Gmoser gründete in den 1960er Jahren Canadian Mountain Holidays (CMH). Er gilt als der Erfinder des Heliskiings. Wiegele gehörte zu Mosers ersten Guides, während er die Skischule Lake Louise führte.
Dort lernte er auch Bonnie kennen, die er 1967 heiratete. Als 1970 Tochter Michelle zur Welt kam, schien das Einwanderer-Glück perfekt: Wiegele hatte in der neuen Heimat eine Familie, war Chef der Skischule und mit Bonnie Besitzer eines eigenen Skishops in Lake Louise. Aber Wiegele war das nicht genug.

Wiegeles Frau Bonnie: „Mike war immer ein Träumer“

„Mike war immer ein Träumer“, sagt Bonnie in „Call me Crazy“. Aber ein Träumer, der seine Ideen in die Tat umsetzt. Und sein großer Traum war ein eigenes Heliski-Resort. Anfang der 1970er Jahre machte er diesen Traum wahr. Erst bot er in den Cariboos nordwestlich von Lake Louise Tages-Heliskitouren an, dann war ein einfaches Hotel in Valemount seine Basis, bevor er in das Schneeloch Blue River umzog.
„Mike ist das nicht einfach in den Schoß gefallen“, betont Howard Ironstone. Der Zahnarzt aus Ontario war Wiegeles erster zahlender Heliskigast, der noch heute mit leuchtenden Augen von seinen Tiefschneeabenteuern bei Wiegele berichtet: „Heliskiing ist der größte Spaß, den man angezogen haben kann“, meint Ironstone mit einem Augenzwinkern.

Mike Wiegele Helicopter Skiing wuchs und wuchs, was seine Freundschaft mit Hans Gmoser auf eine Bewährungsprobe stellte. Wiegele und CMH wurden zu Konkurrenten, Mike und Hans zu erbitterten Rivalen. Während CMH viele kleinere Lodges eröffnete, konzentrierte sich Wiegele auf einen Standort. So entstand über die Jahre in Blue River die größte Heliskiing-Lodge der Welt mit dem Service eines Top-Hotels und einem erstklassigen Restaurant. 2004 kam die rund eine halbe Stunde entfernt liegende Albreda Lodge als alpines Heliski-Chalet für 20 Gäste hinzu.

Im Blue River Heli Dorf Resort dagegen wohnen in der Hochsaison mehr als hundert Gäste in Blockhäusern rund um das Haupthaus. Wenn morgens zehn Gruppen starten, wirkt das Dorf auf mich wie eine Airbase. Dann schwebt ein Bell 212 Heli nach dem anderen ein, um Tiefschneefans hinaus in das inzwischen über 6.000 Quadratkilometer große Gebiet zu fliegen. Zwischen 1.046 und 3.569 Metern Höhe liegen mehr als 800 kartographierte Abfahrten. Die Gebirgszüge der Monashees sind berühmt für lichte Waldabfahrten, die der Cariboos und Rocky Mountains für gigantische Gletscher. Die Kombination aus atemberaubenden Hängen, viel trockenem Schnee und wenig Wind machen Wiegeles Areal zu einem der besten Heliskigebiete der Welt.

 

„Call me Crazy“

„Ich hätte nie geglaubt, dass er das alles schafft. Schließlich haben wir mit nichts angefangen“, erzählt Wiegeles Frau Bonnie im „Call me Crazy“-Film. „Aber Mike hat nie aufgegeben“, unterstreicht sie. Wie wahr. Als ich Wiegele zuletzt traf, war er schon fast 80. Dennoch hing er immer noch wie ein Junger in der Kletterwand seines imposanten Guides Houses, das für ihn das Herzstück seines Unternehmens war. „So ein Haus für die Guides hat niemand sonst“, betonte Wiegele damals voller Stolz. Die perfekten Arbeitsbedingungen für sein Team, mit denen der manchmal streng wirkende Wiegele seine Wertschätzung für seine Guides ausdrückte, sind mit ein Grund, warum diese mit so großer Hochachtung von ihm sprechen. Einige Guides sind seit Jahrzehnten in Blue River. Blue River ist Wiegeles Lebenswerk und oft Kulisse für Skifilme. Seit 1972 drehte allein der Kultskifilmer Warren Miller dort unzählige Male. Beide wurden Freunde und profitierten voneinander. Miller drehte mit Hilfe der Helikopter faszinierende Skifilme, die rund um den Globus liefen, was wiederum Powder-Süchtige aus der ganzen Welt nach Blue River lockte.

Obwohl in den vergangenen 20 Jahren viele neue Heliski-Anbieter in Kanada auf den Markt kamen, die vor allem auf kleine Hubschrauber und kleine Gruppen setzten, schaffte es Wiegele, seine Stammgäste an sich zu binden. „Ich war noch nie woanders und würde auch nirgendwo sonst zum Heliskiing hingehen“, hörte ich immer wieder von Wiegele-Fans. Bis vor wenigen Jahren war Wiegele in Blue River omnipräsent – beim Abendessen mit den Gästen, auf dem Berg und erst recht im Guides House. Selbst im hohen Alter saß Wiegele noch regelmäßig im Heli und fuhr Tiefschnee. Auch beim Morgen-Meeting mit mehr als 30 Guides und Piloten im großen Besprechungsraum des Guides House war Wiegele bis zuletzt fast immer dabei. Unter der Leitung des langjährigen Operations Managers Bob Sayer, der seinen Job aus Altersgründen zum kommenden Winter an Elias Ortner und Bill Mark übergibt, planen die erfahrensten Guides dort nach Klärung der Wetterlage und der Schneesituation die Abfahrten des Tages. Grundlage sind Wiegeles eigene Sicherheitsstandards, die er mit Wissenschaftlern über viele Jahre entwickelt hat. Er bezieht die kosmische Strahlung in seine Berechnung mit ein, weil diese nach seinen Erhebungen große Auswirkungen auf die Stabilität der Schneedecke habe. Außerdem arbeitet er mit einer siebenstufigen Lawinenwarnskala, statt mit der üblichen fünfstufigen. „Die ist zu grob, weil dann das mittlere Level dazu verleitet, die Gefahr zu unterschätzen“, erklärte mir Wiegele. Dabei könnten Tragödien doch verhindert werden.

Safety-Guru Wiegele

Der Safety-Guru ist von seiner Methode absolut überzeugt. Weil er sich mit Kritik an anderen nicht zurückhält, hat er nicht nur Freunde in der Branche. „Wenn ich nicht Heliskiing-Anbieter, sondern Professor wäre, würden alle meine Methode anwenden“, sagte mir Wiegele einmal selbstbewusst. Die einen halten ihn deshalb für starrsinnig, die anderen für konsequent. Fakt ist: Wiegele ist seinen Überzeugungen immer treu geblieben und er hat seine Träume und Ziele stets unbeirrt und gegen alle Widerstände verfolgt.

Die Demenz stoppte den Unermüdlichen

Als ich Wiegele vor wenigen Jahren zum letzten Mal traf, war er körperlich noch topfit. Damals dachte ich: Der wird einmal das Glück haben, im hohen Alter beim Tiefschneefahren einfach tot umzufallen. Doch dann stoppte ihn die Demenz. Seit Sommer 2020 lebt Wiegele in einem Altersheim, im Juli 2021 starb er. Seine Frau Bonnie führt das Unternehmen weiter, in Corona-Zeiten eine doppelte Herausforderung. Mike fehlt – im Guides House, wo er jahrzehntelang das letzte Wort hatte, beim Abendessen mit den Stammgästen und draußen im Tiefschnee in den von ihm so geliebten Bergen Kanadas.